Die Saarländischen Piraten von TORTUGA sind schon länger nicht mehr in unserem Stormbringer-Hafen eingelaufen. Die letzten Kaperfahrten („When The Shit Hits The Fan“ von 2018 und „Leinen Los“ von 2019) führten Captain Mary Reads Crew in weiter entfernte Gewässer („Leinen Los“ war als Kinderalbum konzipiert und äußerst liebevoll für kleine und größere Seebären aufgemacht), mit ihrem vierten Album „Flying Dutchman“ stechen die Piraten aber einmal mehr gen klassischem schwermetallischem Piratentum in See – dieses Mal jedoch mit Steampunk-Elementen angereichert. Zwei Songs des Albums („Stowaway“ und „Rackham's Revenge“) wurden überdies schon im Jahr 2018 für die damalig aufgeführte Metaloper „Pirate's Bride – eine Metaloper nach Tortuga“ geschrieben und werden nun erstmals auf CD veröffentlicht.
Das dramatische, gar cineastische Intro macht Hoffnung auf ein breitwandiges Spektakel, schürt aber gleichzeitig auch ein wenig falsche Hoffnungen. Dadurch, dass TORTUGA ihre Alben weitestgehend in Eigenregie produzieren und vermarkten, ganz im Sinne der Piraterie und des Freiheitsgedankens, können sie natürlich produktionstechnisch nicht mit hochbudgetären Albenveröffentlichungen mithalten und sind gerade im Tonkeller ein wenig dünn aufgestellt – doch die Saarländischen Piraten machen das Beste draus und gehen mit Spielfreude und Ohrwurmfaktor längsseits.
Tatsächlich beweisen TORTUGA dann auch ein Händchen für griffige Riffs und Melodien, sowie haltbare Refrains; Das beginnt schon beim Opener „Stowaway“ (obwohl gesanglich vielleicht nicht immer ganz sattelfest), setzt sich über die flotte Hymne „Parley“, an dessen Aussprache man vielleicht noch arbeiten könnte, aber die Variation des Mainriffs im Schlussviertel zu gefallen weiß, fort und erfährt im Schlussdrittel des Albums bei „FSM“ seine Vollendung, welches ganz in klassischer Heavy-Metal-Tradition der 80er dem Hörer ein dickes Grinsen und gen Luft gereckte Fäuste, Pommesgabeln und Enterhaken entlockt. Und ist das in der Bridge vor dem finalen Refrain tatsächlich ein Banjo?!
Doch TORTUGA können nicht nur im Fahrwasser von Oberpirat Rock'n'Rolf die lässigen Powermetaller raushängen lassen, nein, auch die folkigen Songs des Albums bergen großes Unterhaltungspotenzial. Allen voran die Quasi-Bandvorstellung „Pirates Of Saaribia“, in der Captain Mary Reads Haufen vielleicht den Musical-Heuler „Any Dream Will Do“ verfolkmetallt haben, und „Code Of Conduct“, wo man sich eines bekannten Folk-Themas bedient hat und den Song auf äußerst charmante und extrem unterhaltsame Weise in eine ausgelassene Akkordeon-Piratenhymne umgesetzt hat. Da schwingt man doch gerne das Tanzbein!
Der schleppende, enorm groovende Beginn von „Stormriders“ macht dafür neugierig - in der Folge harmoniert die rockige Stimme der Oberpiratin sehr gut mit dem musikalischen Grundgerüst, triolische Drums geben dem Song im Anschluss richtig schönen Drive und die Tempovariationen lassen ein wenig an verspielte NWoBHM-Anleihen denken. Zwar kommen sich gegenläufige Rhythmen im Mittelteil des Songs kurz in die Quere, aber der erzählende Spannungsbogen macht den vergleichsweise langen Titel zu einer durchaus epischen und den Hörer sehr gut unterhaltenden Sache. „A Place Between The Sun“ entpuppt sich als gefühlvolle Klavierballade, und eine sehr schöne noch dazu, mit leichtem Folk-Enschlag durch die Einbindung einer Violine. Das können die also auch! Dass man der Sangeskapitänin einen männlichen Gegenpart zur Seite gestellt hat, gibt dem emotionalen Song einen Extra-Boost, der zu gefallen weiß – zumal die Produktion dieses Stückes deutlich klarer und druckvoller ausgefallen ist als der Rest des Albums.
Unterm Strich haben sich TORTUGA wirklich gemausert und im Vergleich zum Erstling "Pirate's Bride" ihren Stil gefunden, der trotz teils sehr unterschiedlicher Elemente, beziehungsweise Songs, ein homogenes Gesamtbild kreiert, das man den Saarländischen Piraten als dicken Pluspunkt anrechnen kann. Dem gegenüber steht der noch immer eher dünne Eigenproduktions-Sound, der Captain Mary Reads Haufen nicht in die höheren Regionen der Metal-Piraten spülen wird - aber zum Charme, Witz und der Spielfreude von TORTUGA passt, wie die Faust aufs Auge. „Flying Dutchman“ ist ein ehrliches, bodenständiges Piratenalbum ohne viele Schnörkel, das sich dennoch lohnt mal angecheckt zu werden! (STORMBRINGER 3 / 5)


Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen