Mit der Festhalle in Bern verbinde ich einige schöne Erinnerungen. Hier erlebte ich zum ersten Mal Iron Maiden live, aber auch die Metal X-Mas Konzerte blieben bei mir im Gedächtnis. Nun, der alte Holzbau mit dem manchmal schrecklichen Sound musste einer modernen Eventhalle weichen, und ich war deshalb gespannt, wie die beiden Schweizer Rock-Grössen im neuen Saal klingen werden. Zusammen mit Churz & Knackig (aka Tinu und Oli; checkt unbedingt mal den kultigen Podcast auf YouTube!) vertraten wir in der scheinbar ausverkauften Halle (9000 Zuschauer!) Metal Factory. Nach unzähligen WhatsApp-Nachrichten in der mir sogar angedroht wurde über Gotthard schreiben zu müssen, konnten wir uns dann in einer knallhart geführten Verhandlung einigen, dass Oli über Gotthard berichtet, Tinu den Part von Krokus übernimmt und meine Wenigkeit sich Bluedög widmet. (rön)
Bluedög
Den Rolle als Anheizer übernahmen die Solothurner von Bluedög, welche mir bisher nicht geläufig waren. Ohne Intro betrat das Quartett die Bühne und startete gleich mit einem Solo in den ersten Song. Philipp Gerber, der mit seinem voluminösen und imposanten Bart wie ein Mitglied von ZZ Top aussieht, solierte in den knapp 45 Minuten ausgiebig, was meiner Meinung nach mit der Zeit etwas langweilig wurde. Klar, der Bluesrock der Solothurner verlangt auch danach. Unüblich war zudem, dass Phippu bereits beim ersten Song Mitsingspielchen anzettelte und umgehend die Bandvorstellung vornahm. Tinu traf dabei mit seiner Aussage den Nagel auf den Kopf:"Bluedög gehören eigentlich in eine verrauchte Kneipe oder einen kleinen Club, wo der Schweiss von der Decke tropft. Dort würde der von Blues durchtränkte Rock seine volle Wirkung entfalten".
Auf der riesigen Bühne wirkten sie fast etwas verloren. Trotzdem war der Auftritt äusserst sympathisch und Philipp bedankte sich mehrfach, dass sie eingeladen wurden. Bleibt noch die ausstehende Antwort auf die Frage des Sounds vor Ort. Natürlich ist das kein Vergleich zur alten Halle, als jeweils die ganze Aussenhülle vibrierte. Allerdings hätte es dann doch noch ein bisschen fetter sein dürfen, denn in der ebenfalls eher neueren Samsung Hall finde ich den Sound besser als in der Festhalle, aber vielleicht sehen das Oli und Tinu ja auch anders?! (rön)
Krokus
50 Jahre Krokus, das ist eine Hausnummer und wie sagte Bassist Chris von Rohr doch so schön im Interview? "Wir befinden uns auf einer längeren Zugabe". Recht hat er, das Sprachrohr der Frühlingsblume. Er liess es sich auch an diesem Abend nicht nehmen, immer wieder Ansagen zu machen: "Danke Bärn, wäge däm mache mir Rock'n'Roll! Es isch ächt geil, schöni Wiehnachte!", oder zu «Fire»:"Im the God of hellfire and I bring you fire". Mit grandioser Unterstützung vom Videoscreen (u.a. Krokus Videos, der brennende Metal-Schädel zu «Headhunter») und einer fett aufspielenden Band, konnten die Jungs nur gewinnen und der Feierabend für Krokus scheint noch in weiter Ferne zu liegen. Bis dahin versohlt man an diesem Abend dem Schweizer Publikum zuerst mit «Headhunter» als Opener den Allerwertesten.
Dies schien die Anwesenden ein bisschen zu verunsichern, weil Jung und Alt die helvetischen Helden abfeiern wollten, aber bitte schön mit «Hoodoo Woman», «Heatstrokes», «Winning Man», «Fire», «Bedside Radio» und «Tokyo Nights». Somit gelang der Einstieg mit «Headhunter» und dem Riffbolzen «Long Stick Goes Boom» für die einen perfekt und für die anderen etwas holprig, liess doch die folgende, grosse Hysterie mit den vermeintlich bekannteren Tracks noch auf sich warten. Die Herren waren sichtlich in Spiellaune, wobei sich Leadgitarrist Mandy Meyer einmal mehr in (s)einen galaktischen Spielrausch zauberte. Zusammen mit Mark Kohler und Fernando von Arb (seine Spielart stammt in meinen Augen nach wie vor von einem anderen Planeten, wie er gefühlvoll spielt und mit Schalk in die Saiten greift) hatte das Gitarren-Triple einiges zu sagen und kleckerte mit Schmackes. Schade, dass die neue Festhalle sicherlich einen besseren Sound hat als seine legendäre Vorgängerin, aber The Hall in Dübendorf klingt definitiv besser (da stimme ich Rönu zu).
Nach «Live For The Action» (ein etwas komischer Schlusstrack) war Schluss, und die Jungs verabschiedeten sich von einem johlenden Publikum, um später wieder (für die Zugaben) zusammen mit Gotthard auf die Bühne zurückzukehren. Derweilen konnte sich Flavio kurz den Schweiss abtrocknen und nahm gleich wieder bei Gotthard auf dem Schlagzeugsessel Platz. Marc Storace (sang erneut hervorragend!) und der Rest der Truppe profitierte vom Legenden-Status, welchen sich Krokus in den letzten fünf Jahrzehnten erspielt haben. Dabei berufen sie sich auf ihre Stärken und den damit verbundenen Sieger-Gen. Ronü trug stolz sein neu erworbenes «Metal Rendez-Vous» Shirt mit einem siegesbewussten Blick und war sich sicher (wie alle anderen auch), dass Krokus heute Abend ablieferten. Seine entsetzten Blicke, als Oli und ich tatsächlich inbrünstig bei Gotthard mitsangen, sagten später mehr als tausend Worte und sind definitiv legendär. Geben wir ab zu Oli. Krokus rockten die Festhalle definitiv, auch wenn du das mit deiner (gerechtfertigten) Gotthard Brille nicht wahrhaben wolltest. (tin)
Setliste: «Headhunter» - «Long Stick Goes Boom» - «Stay Awake All Night (Backman-Turner Overdrive Cover)» - «Rock'n'Roll Tonight» - «Winning Man» - «Tokyo Nights» - «Hoodoo Woman» - «Fire» - «Rockin' In The Free World (Neil Young Cover)» - «Easy Rocker» - «Heatstrokes (mit Drum-Solo Flavio Mezzodi)» - «Screaming In The Night» - «Live For The Action»
Gotthard
Nach den altehrwürdigen Legenden von Krokus wartete nun ganz Bern auf die nicht minder bekannten Urgesteine Gotthard. Ganz Bern? Nein! Unser René hatte sich vorgenommen, einen auf Gallier zu machen und Gotthard "nicht cool" zu finden. Anyway (Anmerkung Tinu: Mit der Zeit war auch der Eisberg, äh Eisbär Rönu am schmelzen!), meine Wenigkeit kam in den Genuss, Nic Maeder und seine Combo das erste Mal zu sehen, völlig unvoreingenommen der Dinge zu harren, die da noch kommen! Gegen 21:15 Uhr ging das Licht aus und die ersten Akkorde von «AI & I» erklangen, gefolgt von «Thunder & Lightning» vom neuen Album «Stereo Crush». Das Publikum, das bei Krokus noch etwas verhalten agierte, schien nun erwacht, und begann sich zu bewegen. Die nächsten drei Songs waren dann erstmal eine vor Rock triefende Reise in die Vergangenheit von Gotthard, die besonders von den älteren und noch älteren Fans abgefeiert wurden. Sänger Nic Maeder führte gekonnt durch das Programm und seine instrumentalen Mitstreiter taten es ihm mit viel Spielfreude gleich.
Nach der ersten Ballade des Abends wurde mit «Anytime Anywhere» pure Nostalgie und Wehmut versprüht. Die Halle war mittlerweile ausverkauft, wie Maeder uns spontan wissen liess, und das Publikum sang den Refrain jeweils lautstark mit. Nun ging es Schlag auf Schlag, und nach einem erneuten Kracher der aktuellen Platte war definitiv Zeit für Gänsehaut. Leo Leoni liess sich mit Akustik-Gitarre am Bühnenrand auf einem Barhocker nieder, um mit Nic «One Life, One Soul» widerzugeben. Doch noch vor den ersten Tönen wurde dem Sänger ein Brief aus dem Publikum zugesteckt. Er witzelte, dass er ohne Brille nicht lesen könne, und als die ersten Zeilen las, setzte Leoni mit der Gitarre ein. Wunderbar! Die Show von Gotthard wurde stets durch eine massive Video-Leinwand unterstützt, die jeweils die passenden Bilder zum aktuellen Song lieferte. «Top Of The World» und «Lift U Up» bildeten schliesslich den Schluss des offiziellen Teils.
Nach einem kurzen Break und Dunkelheit auf der Bühne kam Maeder, zusammen mit Marc Storace im Schlepptau zurück, um gemeinsam den Track «Liverpool» zu performen. Danach dürfte jedem Hardcore-Fan ein Kloss im Hals gewachsen sein, als Chris von Rohr, damals Produzent von Gotthard, die Bühne betrat und «Heaven» mit "dieser Song ist für Steve Lee" anmoderierte. Beim Refrain gab es Rauchfontänen von unten und Feuerregen von oben, und das Publikum lag sich in den Armen und sang bereitwillig mit. So"traurig" durfte dieser Abend allerdings nicht enden. Nach dem rührseligen Moment enterten nochmals alle Musiker von Krokus die Bühne, um gemeinsam mit Gotthard «Bedside Radio» und «Mighty Quinn» alias «Quinn The Eskimo» zum Besten zu geben. Dabei flogen massenweise Luftschlangen durch die Festhalle, und beim letzten Akkord leerten sich noch die Konfetti-Kanonen im grossen Stil über dem Publikum aus. Die beiden Bands liessen sich im Anschluss am Bühnenrand feiern und waren sichtlich gerührt. Beim Verlassen der Venue sah man nur zufriedene Gesichter, die einen legendären Abend mit toller Musik genossen haben. Dies war ein denkwürdiger Event, der allen notorischen Nic Maeder Nörglern aufgezeigt haben sollte, dass der Geist von Steve Lee in Gotthard weiterlebt! (oli)
Setliste: «AI & I» - «Thunder & Lightning» - «All We Are» - «Starlight» - «Remember It’s Me» - «Mountain Mama» - «Hush (Joe South Cover)» - «Burning Bridges» - «Anytime Anywhere» - «Boom Boom» - «One Life, One Soul» - «Feel What I Feel» - «Top Of The World» - «Lift U Up» - - «Liverpool (mit Marc Storace)» - «Heaven (mit Chris von Rohr)» --- «Bedside Radio (mit Krokus)» - «Mighty Quinn/Quinn The Eskimo (Bob Dylan Cover mit Krokus)»
Bluedög
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