Release Info: 2026 - Century Media - Full Length
Band Info: Schweden - 1990 - Death Metal
Bewertung: 8
1. The Fever Mask
2. The Dissonant Void
3. Det Oerhörda
4. A Ritual Of Waste
5. In Dark Disortion
6. Of Interstellar Death
7. Tomb Of Heaven
8. Parasitical Hive
9. The Unfathomable
10. The Phantom Gospel
11. Förgänglighteen
12. Black Hole Emission
Death Metal hat sich nie vor den realen Konsequenzen seines Namens gescheut. Man könnte sogar behaupten, dass die Künstler, die in den verschiedenen Stilrichtungen dieses Subgenres arbeiten, ein tieferes Verständnis für die Tragik der menschlichen Sterblichkeit besitzen als der Durchschnittsmensch. Für den langjährigen und nun leider verstorbenen Göteborger Titanen und At The Gates-Sänger Tomas Lindberg keimte die Ahnung auf, dass sein Leben bald zu Ende gehen würde, als bei ihm mitten in den Arbeiten am Nachfolger des 2021 erschienenen Albums „The Nightmare Of Being“ eine seltene Krebsart diagnostiziert wurde. Dies führte laut Aussage seiner Bandkollegen zu einem eher ungewöhnlichen Aufnahmekonzept für ihr achtes Studioalbum. In einem höchst selbstreflexiven, wenn auch pessimistischen Ausdruck künstlerischen Schaffens benannte Lindberg sein späteres Vermächtnis an die Metal-Community vom Arbeitstitel „The Dissonant Void“ in das ergreifendere und eindringlichere „The Ghost Of A Future Dead“ um und schuf damit einen gewaltigen Schwanengesang und wohl das beste Album seit den Anfangsjahren von At The Gates.
Jeder Aspekt dieser explosiven Demonstration nordischer Kälte und Aggression verkörpert die einzigartige Natur des Melodic Death Metal, der – ähnlich wie zuvor der Thrash Metal – die perfekte Balance zwischen Mainstream und Extremen des Metal findet. Studioeffekte und atmosphärische Zusätze werden bewusst auf ein Minimum beschränkt, um Platz für eine furiosen Darbietung zu schaffen, die sich mit der brachialen Klanggewalt der Stockholmer Vorreiter Dismember, Entombed und Unleashed messen kann. Das Fundament aus wuchtigen Riffs und einer donnernden Rhythmusgruppe bildet die Basis für die melancholischen Gitarrenmelodien von Anders Bjorler und Martin Larsson. Das Instrumental ist deutlich thrashiger und technisch anspruchsvoller als die aktuellen Werke von Szenekollegen wie In Flames und Dark Tranquillity und erinnert fast ausschließlich an die Zeit, als der Stil Mitte der 90er-Jahre den Sprung vom Underground zum Mainstream schaffte. Im Zentrum steht Lindbergs letzter Gesangspart, der angeblich an einem einzigen Tag kurz vor einer umfangreichen Operation und Strahlentherapie Anfang 2024 aufgenommen wurde und dieselbe rasende Leidenschaft ausstrahlt, die er fast 30 Jahre zuvor bei „Slaughter Of The Soul“ an den Tag legte.
Die Dringlichkeit, die die Aufnahmesessions dieser Songs wohl prägte, ist im fertigen Album deutlich spürbar. Fast so, als würde die fünfköpfige Band ihren anfänglichen Aufstieg mit all dem Ehrgeiz und der Leidenschaft, die damit einhergingen, noch einmal durchleben. Die energiegeladene Explosion von „The Fever Mask“ setzt einen gewaltigen Auftakt: Aus einem grauenhaften Ambient-Crescendo entwickelt sich ein hyper-thrashiges Gemetzel, das exemplarisch zeigt, was Melodic Death Metal war, bevor er für den Massenmarkt verfeinert wurde. Denselben rasanten Ansatz verfolgen die frenetischen Kracher „The Dissonant Void“ und „A Ritual Of Waste“, allerdings mit noch chaotischeren Riffs, gepaart mit dem rasanten Schlagzeugspiel und Lindbergs rauem Gesang in mittlerer Stimmlage. Interessanterweise ist Anders' technisches Können in jedem Solo deutlich besser als das der anderen und verleiht den nuancierteren, aber dennoch rasanten Stücken wie „Of Interstellar Death“ und „Tomb Of Heaven“ einen noch deutlicheren Old-School-Vibe. Diese Songs sind genauso energiegeladen wie die Vorgänger und bieten gleichzeitig mehr Wendungen und Überraschungen.
Selbst wenn das Tempo etwas nachlässt und mehr Groove und Tiefe in die Arrangements einfließen, geht nichts von der Leidenschaft und dem Feuer verloren. Der fast schon Death-'n'-Roll-artige Uptempo-Stride von „In Dark Distortion“ besticht durch eindringliche Gitarrenharmonien und fließende Akkorde, während der Bass in regelmäßigen Abständen die Erde erzittern lässt und Lindbergs urtümliches Growlen ungebrochen weiterbrennt. Langsamere Stücke wie das schleppende, wuchtige „Det Oerhorda“ und das mitteltempo-lastige „Parasitical Hive“ bieten zwar ruhigere und atmosphärischere Momente, stehen der Aggressivität aber in nichts nach und verbinden die Bilder dunkler, einsamer Höhlen mit einem gewaltigen Riff-Gewitter. Wahrhaft reiche und melancholische Gitarrenmelodien umrahmen die beiden kürzeren Stücke „Forgangligheten“, eine düstere Akustikballade, und „The Phantom Gospel“, eine groovige Maschine mit wechselndem Tempo. Doch ihren Höhepunkt erreicht das Album, wenn es in voller Geschwindigkeit loslegt. Zu den späteren Stücken dieses düsteren Unterfangens gehören mit dem chaotischen Thrasher „The Unfathomable“ und dem abschließenden Hurra „Black Hole Emission“ zwei absolute Kracher.
Es ist schwer, das ganze Ausmaß des Verlustes zu begreifen, der mit diesem gewaltigen Album einhergeht. Denn wer kann schon das zukünftige Potenzial eines Menschen zu irgendeinem Zeitpunkt seines Lebens wirklich abschätzen, geschweige denn das eines Künstlers mit einem so beeindruckenden Werk wie dem von Tomas? Doch was dieses letzte Geschenk an die Szene betrifft, die er maßgeblich mitgestaltet hat, so hätte man sich kaum einen besseren und passenderen Abschied wünschen können. Der unvermeidliche, etwas holprige Gesang, der während der Demo-Phase der Produktion in aller Eile entstand und auf ein Instrumentalarrangement übertragen wurde, das über etwa zwei Monate hinweg ausgearbeitet und verfeinert wurde, ist sofort hörbar. Doch der Kontrast zwischen Lindbergs roher, fast schon live-artiger Performance und dem polierten musikalischen Hintergrund besitzt einen ganz eigenen Charme, der an die Zeit der Low-Fidelity-Aufnahmen erinnert, aus der das Melodic-Death-Metal-Subgenre hervorging. Wo ein Weg endet, beginnt ein anderer, und dieser Weg erreichte sein Ziel in einem fulminanten Finale, das sich kein Death-Metal-Fan entgehen lassen sollte. (METAL ARCHIVES)


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