Eines sei vorneweg verraten, es wurde ein denkwürdiger Abend. Das lag natürlich zum einen an Alice Cooper, der im hohen Alter von 78 Jahren nach wie vor nichts von seiner Aura eingebüsst hat und zum anderem eine Performance an den Tag legte, welche mitreissend war. Ausserdem wird jeder fussballaffine Konzertbesucher den Abend wohl nie mehr vergessen, weil die Schweizer Nationalmannschaft nach 72 Jahren (!) zum ersten Mal wieder das Viertelfinale an einer WM erreichen konnte. Logisch, dass die Nacht wohl bei einigen Besuchern sehr kurz wurde.
Trotzdem
gab es durchaus auch Diskussionspunkte. Da wäre in erster Linie natürlich die
Wahl des Supports. Aber auch die Merchandise Preise waren saftig. Mit vierzig Franken
haben Def Leppard kürzlich allen gezeigt, dass man auch in der heutigen Zeit
und in grossen Locations faire Preise anbieten kann. Für ein Megadeth oder
Alice Cooper Shirts wurden hingegen satte 55 Taler fällig! Trotzdem wird Tinu
wohl die richtigen Worte beim Bericht des Headliners finden, denn trotz der
negativen Punkte ging kaum ein Besucher enttäuscht nach Hause. (rön)
Rosettli
Wie, was, wer, wieso? Etwa so fiel meine Reaktion aus, als mir Tinu ein paar Tage vorher sagte, dass Rosettli den Support-Slot erhalten haben. Internet-Recherchen ergaben schnell, dass es sich dabei um ein DJ-Duo aus Zürich handelt. Ein DJ als Support? Sorry, das finde ich wirklich nicht gerade prickelnd, wenn man bedenkt, dass so viele gute Schweizer Bands wohl alles liegen lassen würden, um eine halbe Stunde in der Hall spielen zu können.
Pünktlich um 20:00 Uhr betrat die Hälfte des Duos die Bühne, stand hinter das Pult und legte los. Weshalb nur eine Frau anwesend war, entzieht sich meiner Kenntnis. Begeisterung kam nur bei einer Handvoll von Fans auf, welche die Dame wohl kannten, der Rest stand eigentlich ziemlich fassungslos da. Kommunikation fand keine statt, das Publikum wurde nicht einbezogen, und so konnten Rosettli auch mit Klassikern von Motörhead, Iron Maiden oder Mötley Crüe keine Woge der Euphorie entfachen. Wirklich nichts gegen die Dame, welche sicher ihren Spass hatte, aber meiner Meinung nach gehört ein DJ in einen Club und nicht auf eine Konzertbühne. (rön)
Alice
Cooper
…und natürlich findet Tinu (wie immer) die richtigen Worte! Habe ich Vincent Damon Furnier jemals schlecht gesehen? Definitiv nein! War es in einer "show-armen" Vorstellung im Volkshaus (17.07.1997) oder auf den grossen Konzertbühnen mit allerlei Show-Elementen, Alice Cooper lieferte immer ab. Dies auch dank der stets hervorragend performenden Band, die allerdings an diesem Abend auf das weibliche Tier in Form von Nita Strauss verzichten musste. Die Gitarristin geniesst aktuell ihre Baby- Pause und überliess die Bühne Anna Cara, die man von den letzten Storace Solo-Shows her kennt. Dort allerdings als eher performancescheues Wesen, das handwerklich jedoch einiges zu bieten hat. Aber Väterchen Alice "schulte" Anna, die an diesem Abend zum absoluten Aktivposten auf der Stage wurde. Poste sie mit Bassist Chuck Garric (ein Tier am Bass) oder den beiden anderen Saiten-Derwischen Ryan Roxie und Tommy Henriksen, die blonde Lady war immer in Bewegung und präsentierte sich von ihrer besten Seite. Auch spielerisch duellierte sich Miss Cara mehrfach mit Ryan, was ein Bild für die Hard Rock Götter war.
Also bandtechnisch war schon mal alles im Lot, auch dank Drum-Animal Glen Sobel, der mit seiner Stick-Show und dem powervollen Drumming ablieferte, während sich der Zeremonien-Meister nicht lumpen liess und dem Publikum Hit an Hit präsentierte. Grossartig, dass «Spark In The Dark» und mein Alltime-Favorit «Dangerous Tonight» gespielt wurden. Daneben waren es «Posion» (hunderte von Handys wurden zum Filmen in die Luft gehalten, da passte die Ansage: "Raise your hands, if you're poison!") und «School's Out», die für die lautesten Fan Reaktionen sorgten. Und unverständlicherweise auch «Smells Like Teen Spirit», die Cover-Version von Nirvana, welche Alice als erste Zugabe spielte.
Logisch liess es sich Mister Cooper nicht nehmen, eine Alice Cooper-artig grosse Frankenstein Gestalt als optische Unterstützung bei «Feed My Frankenstein» auf die Bühne zu bringen. Es fehlten auch die Diamantketten bei «Dirty Diamonds» nicht, welche fleissig ins Publikum geworfen wurden oder die Billion Dollar Scheine bei «Billion Dollar Babies», die aber dieses Mal nur auf der grossen Leinwand zu sehen waren. Diese hatte es in sich, präsentierte sie doch immer wieder (für die hinteren Reihen) die Band am Spielen oder zeigte alte Fotos von Alice. Wie auch einen Spiegel, der wie ein Auge aussah und mit vielen Voodoo-Accessoires behängt war («Caught In A Dream»).
Die Krücken bei «I'm Eighteen» fehlten ebenso wenig wie die grosse Inszenierung, von der Verwandlung von Alice bis zu seiner Enthauptung. Alles startete bei «Brutal Planet», als der Sänger in die Zwangsjacke gesteckt wurde (was für ein panischer Gesichtsausdruck von Alice), aus der er sich befreien konnte («Cold Ethyl») und seine Peiniger beseitigte (das passierte schon mit einem aufdringlichen Fotographen bei «Hey Stoopid»). Die lebensgrosse Puppe, mit der Alice kurzzeitig tanzte, wurde zu (s)einer lebenden, tanzenden Schönheit (Shannon Cooper), welche schlussendlich bei «Only Woman Bleed» misshandelt wird und Alice dafür von der Guillotine den Kopf abgehackt bekam. Auch wenn man dieses Szenario von einer Cooper-Show längst kennt, es verfehlt seine Wirkung nie und gehört, wie damals das Blutspucken von Gene Simmons von KISS, zwingend zu einer Cooper-Show.
Mit dem erwähnten «School's Out» wurde der offizielle Teil des Sets beendet. "Well, well, well. Alice Cooper friendly speaks to you!" – Alice im weissen Frack und mit weissem Zylinder präsentierte unter tosendem Applaus seine Band. "And who play Alice tonight?". Geschreie, Getöse und ein sichtlich gerührter Alice meinte mit einem zufriedenen Grinsen: "ME!" Es war einmal mehr eine sensationelle Show des Grossmeisters des Schock-Rock. Was Alice mit seinen 78 Lenzen noch immer auf die Bühne bringt, sucht seinesgleichen. Es war optisch und musikalisch eine Machtdemonstration eines Künstlers, der seiner Band immer genügend Platz einräumt, sie auffordert diesen einzunehmen und ihr auch applaudiert. Da steht kein Solo-Künstler auf der Bühne, auch wenn es der Name vermuten lässt, sondern eine Band, die sich gegenseitig Respekt zollt und die stets bestmögliche Performance bietet. Wie lange wir Alice noch so auf der Bühne sehen werden, hängt sicherlich von seiner Gesundheit ab. Solange er aber nach wie vor derart abliefert, darf dies gerne noch sehr lange passieren. (tin)
Setliste: «Intro - Who Do You Think We Are» - «Hello,
Hooray (Judy Collins Cover) (Intro Only)» - «Who Do You Think We Are» - «Spark
In The Dark» - «No More Mr. Nice Guy» - «House Of Fire» - «Billion Dollar
Babies» - «I'm Eighteen» - «Muscle Of Love» - «Feed My Frankenstein» - «Dirty
Diamonds» - «Caught In A Dream» - «Hey Stoopid» - «Dangerous Tonight» - «Poison»
- «Guitar Solo Anna Cara» - «Brutal Planet» - «Ballad Of Dwight Fry» - «Cold
Ethyl» - «Only Woman Bleed» - «Second Coming» - «Going Home» - «School's Out (with
snipped of «Another Brick In The Wall» - Cover Pink Floyd)» -- «Smells Like
Teen Spirit (Nirvana Cover)» - «Under My Wheels» - «Outro (I'm Always Chasing
Rainbows (Judy Garland Cover)»
Alice Cooper
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