Nein, das war definitiv kein Aprilscherz (anderes schon; Anmerkung Tinu), was dieses Package an diesem Abend ablieferte, vielmehr war es ein unbarmherziger Abriss. Da der Spielplan recht kurzfristig um 45 Minuten nach hinten geschoben wurde, konnten Kollege Tinu und meine Wenigkeit auch etwas später als geplant die Reise nach Zürich antreten, wo wir schliesslich auf Oli trafen. Dieses Dreier-Pack wird Euch über die Geschehnisse informieren und den Daheimgebliebenen hoffentlich klarmachen, dass man etwas verpasst hat. Nach einer kurzen Stärkung im Restaurant mit dem gelben M, machten wir uns auf zur Halle, wo bereits eine beträchtliche Schlange auf den Einlass wartete. Zehn Minuten zu spät öffnete der Veranstalter die Tore und wie immer ging das Rennen um einen Platz ganz vorne los. Immer wieder lustig zu sehen, zu welchen Sprints die Leute fähig sind. Vielleicht sollten ein paar Metalheads ernsthaft eine Karriere im Hundertmeterlauf anstreben.
Kaum in der Halle angekommen, ging auch schon das Licht aus. Dazu muss leider bereits der erste Kritikpunkt genannt werden, denn es standen nämlich noch viele Fans draussen in der Schlange und verpassten so die ersten Klänge des Openers. Eine Vorlaufzeit von 45 Minuten wäre organisatorisch eigentlich besser, sowohl für die Zuschauer, wie auch für die Band. So war die Halle doch sehr überschaubar gefüllt, als Nails loslegten. Auch die hohen Bierpreise (8.- / 4dl) dürften gerne mal ein Diskussions-Thema sein, ganz abgesehen davon, dass die Bar in der Halle schon während des Konzertes dicht macht und die Leute immer ins Foyer pilgern müssen. Seltsame Politik des Veranstalters. Doch genug der Nebensächlichkeiten, es soll nun ordentlich krachen! (rön)
Nails
Man lernt ja nie aus! Den Namen Nails kannte ich bis dato nicht, und deshalb habe ich vorher auf Metal Archives etwas recherchiert. Dabei bin ich bei den Genre-Bezeichnungen, neben Grindcore/Hardcore, auf den Begriff Power Violence gestossen. Was das genau sein soll, musste ich ebenfalls nachschlagen. Es handelt sich dabei um eine Richtung des Hardcore Punks, der sich stilistisch am Grindcore anlehnt. Da steh ich nun, ich armer Tor und bin so klug wie zuvor! Auf jeden Fall legte das Trio um Mastermind Todd Jones mit einer ungeheuerlichen Wucht los.
Musikalisch würde ich den schon vorhandenen Genre-Bezeichnungen auch noch Death und Groove Metal dazufügen und dass Motörhead auch eine grosse Rolle spielen, konnte man sofort hören. Dazu brauchte es nicht einmal die Intro-Sequenz von Lemmy. Da die Songs manchmal kaum neunzig Sekunden dauerten, wurden in der halben Stunde mehr als ein Dutzend Titel ins Publikum geschleudert. Mit der Zeit füllte sich die Halle immer mehr, und so bildeten sich schon erste Circle- und Moshpits. Nails waren sicher die härteste Band des Abends, für viele wohl schon viel zu hart. Sympathisch hingegen, dass sich der Sänger und Gitarrist gefühlt dreissig Mal überschwänglich beim Publikum bedankte. So, Oli du darfst übernehmen, wie haben denn Exodus in deinen Augen abgeliefert? (rön)
Exodus
Nach den eher neumetallischen Klängen zum Einstieg, wurde durch Exodus die Ur-Suppe des Thrash einmal kräftig durchgerührt und mit einer Portion Lautstärke frisch serviert. Ihre Geschichte reicht bis ins Jahr 1979 zurück, und von diesen Tagen ist nur noch Schlagzeuger Tom Hunting übriggeblieben. Fairerweise muss erwähnt werden, dass der ebenfalls langjährige Gitarrist (und Teilzeit-Gitarrist bei Slayer) Gary Holt auch bereits 1981 hinzukam. Dass Exodus, neben Testament, nie ihren verdienten Status im Thrash Metal erreichten, ist mir nach diesem energiegeladenen Konzert einmal mehr unverständlich. Es war erst der zweite Auftritt in der Schweiz seit Rob Dukes Rückkehr als Sänger, und die Truppe hatte zudem ihr neues Album «Goliath» im Gepäck. Exodus zeigten sich ausgelassen unterhaltsam, eine Kakophonie aus galoppierenden Gitarren und beschwingten Riffs.
Der Sänger forderte schon bei den ersten Akkorden Circle-Pits, und das Publikum hatte Bock darauf. Indem sie nach dem Opener bereits den imposanten Titelsong «Bonded By Blood» intonierten, hatte die Truppe auch alle alternden Thrasher in der Tasche. Die Menge sang ein erstes Mal mit Leidenschaft aus voller Kehle mit. Dasselbe Schauspiel war noch einmal zu beobachten, als sie «A Lesson In Violence» (vom selben Album) präsentierten. Wilde Pits wurden gestartet, und vereinzelte Crowdsurfer machten sich auf den Weg, über die Köpfe der Leute hinweg. Das schleppende «Goliath», zur Mitte des Sets, hatte die Stimmung (für meinen Geschmack) etwas gebremst. Auch soundtechnisch verlief bei diesem Song nicht alles einwandfrei, wenn ich die Gesten von Gary Holt richtig zu deuten weiss. Wie gesagt, das anschliessende «Lession» liess dies schnell vergessen, und Exodus schafften es mit einer Leichtigkeit, das Publikum um den Finger zu wickeln.
Dukes liess es sich ausserdem nicht nehmen, allem Motherfucker-Wortschatz zum Trotz, die Zuschauer in ein süsses Sing-a-long zu verwickeln. Auch Holt lockte die Menge nochmals aus der Reserve, als er das Intro zu «Raining Blood» anspielte, einem Song aus Garys wohl weitaus lukrativerer Nebenbeschäftigung. Die Stimmung war ausgelassen dynamisch, und während Lee Altus seine Gitarre wechselte, kam ein maskiertes Crew-Mitglied auf die Bühne, das eine gewaltige Gitarren-Einlage inszenierte und eine Handvoll Plektren in die Menschenmenge warf. Im Anschluss ging das lockere Theater ins tosende «The Toxic Waltz» über. Im Publikum brodelte und kochte es bereits, als der Sänger zum Abschluss noch eine Wall Of Death forderte. Die Halle 622 explodierte noch ein letztes Mal vor der Pause, und danach sollten die Briten Carcass zeigen, auf welchen Katalog ihrer Bandgeschichte sie gerne zurückblicken. (oli)
Setliste: «We Will Rock You (Queen Cover)» - «3111» - «Bonded By Blood» - «Deathamphetamine» - «Blacklist» - «Goliath» - «A Lesson In Violence» - «The Toxic Waltz» - «Strike Of The Beast»
Carcass
Wenn ich mich wiederholt zwischen den Beatles und den Stones entscheiden muss, fällt der Hammer stets zugunsten der Pilzköpfe aus Liverpool. Wenn es aber darum geht, wer die wichtigste und einflussreichste Band aus Liverpool ist, dann sind Carcass das grösste musikalische Geschenk an die Welt. Sie zeigen sich dafür verantwortlich, die Entwicklung des Death Metals mehrmals neu in Gang gesetzt zu haben, auch mit dem aussergewöhnlichen Album «Heartwork». Ein grossartiges Werk, das auch ein Drittel-Jahrhundert später noch die Setliste von Carcass dominiert. «Buried Dreams», «Death Certificate», «No Love Lost» und der melodisch imposante Titeltrack zeigten einmal mehr, dass Bill Steer wohl mit Abstand zu den unterschätztesten Gitarristen im Metal gehört.
Der Vierer präsentierte sich in blendender Form, auch wenn am Schlagzeug Waltteri Väyrynen von Opeth, statt wiegewohnt Daniel Wilding, sass. Dieser ist kurzerhand für den angeschlagenen Stamm-Drummer eingesprungen. So begannen Carcass schliesslich ihren eindrucksvollen Ritt durch zehn Tracks, und von Beginne weg machten sich die Crowdsurfer auf den Weg nach vorne. Mit Ausnahme von «Swansong» (1996) schafften es die Briten, alle Ecken ihres diskographischen Schaffens abzudecken. «Genital Grinder» und «Exhume To Consume» wurden als untrennbares Ganzes dargeboten und bewiesen, wie dekadent und gnadenlos bösartig sie früher klangen. Immer mal wieder flog ein Plektrum ins Publikum, das von den Fans freudig empfangen wurde.
Jeff Walker, optisch mittlerweile näher am spiessigen Nachbarn als am gefährlichen Metaller dran, liess aber keine darüber Zweifel offen, dass Kleidung nichts mit Herzblut und Leidenschaft zu tun hat. Er dirigierte sein Orchester, trotz der unerbittlich widerwärtigen Natur ihres Materials, das technische Brillanz verlangt, sicher durch den Sturm der Noten. Carcass gönnten sich keine grossen Pausen und zogen ihr Set straight durch. Der Sänger liess sich ab und zu hinreissen, dem Publikum schmunzelnd mit einem sanften ‟Merci” zu danken. Dies zeugte aber nicht von Arroganz, sondern vor Demut, Letzteres vor einem Publikum, das die Band mit der unbändigen Euphorie und dem Respekt behandelte, die sie verdient. Es schien gar so, zum Ende ihres Gigs hin, dass jeder einzelne in der Halle ihre immense Bedeutung erkannte. Vielleicht ist jeder ein wenig hochgegriffen, denn unser lieber René hat mir schon vor dem Anpfiff erläutert, dass er mit dieser Band nie warm geworden ist. Gallier bleibt eben Gallier (Traditionen sollte man wahren; Anmerkung Tinu)! (oli)
Setliste: «Unfit For Human Consumption» - «Buried Dreams» - «Incarnated Solvent Abuse» - «No Love Lost» - «Death Certificate (mit «Tomorrow Belongs To Nobody» Intro)» - «Dance Of Ixtab (Psychopomp & Circumstance March No. 1 in B)» - «Genital Grinder» - «Exhume To Consume» - «Corporal Jigsore Quandary» - «Heartwork» - «Carneous Cacoffiny (als Outro)»
Kreator
Wenn sich meine beiden Jungs bei den vorherigen Bands nicht ganz einig waren, zumindest bei Kreator wurden sie es wieder. Denn selbst unsere Brienzer Frohnatur wurde zum Crowdsurfer, als Mille bei «Betrayer» das Publikum aufforderte, wie in den alten Tagen ein bisschen zu surfen. Im Sekundentakt flogen die Jungs und Mädels den Ordnern in die Hände, während der Bandleader das Geschehen sichtlich zu geniessen schien. Züri (auf Zürcher Deutsch), the Kreator has returned. The time has come for the first wall of death. Züri, are you ready? begrüsste der singende Gitarrist das Publikum vor «Enemy Of God». Warum er die Ansagen auf Englisch tätigte, bleibt dabei ein kleines Geheimnis. I'll count down to four and you turn this place into a massacre style. Tja, wenn der Kreator Gründer die Fans schon dazu auffordert, wer will da nicht Teil des Geschehens sein?
Der Vierer startete wie gewohnt mit dem Iron Maiden Song «Run To The Hills» ab Konserve, bevor es in den P.F. Sloan Track «Eve Of Destrucion» überging und auf der weissen Leinwand revolutionäre, gewalttätige wie mörderische und geschichtliche Szenen abgebildet wurden. Mit dem Opener «Seven Serpants» des neuen Albums «Krusher Of The World» wurde das Szenario gestartet. Was folgte, war die Extraklasse des Thrash Metals, die mit viel Feuersäulen, Papierschlangen und anderen Show-Elementen unterstützt wurde. Auch wenn sicherlich einige Bühnen-Requisiten noch von der letzten Tour bekannt waren, so haben die beiden Dämonen links und rechts auf der Bühne noch immer diesen gruseligen Part inne, der ihnen zusteht. Mit dem rauchenden Kreator Schädel über Drummer Ventor tauchte die Bühne in einen unglaublichen dreidimensionalen Effekt ein. Etwas, das bei den Intros zwischen den Songs mit den beiden zum Bühnenrand hin marschierenden Kreators und ihren brennenden Fackeln, immer wieder für Aufsehen sorgte.
Kreator überlassen nichts dem Zufall, sondern Kleckern an den richtigen Orten. Die Setliste war in meinen Augen die perfekte Mischung aus uralten, alten, neuen und ganz neuen Songs. Logisch, dass die eher wir suchen nach unserem Sound in dieser verlorenen Welt Phase der Band, sprich die Tracks der 1990er Alben («Renewal», «Cause For Conflict», «Outcast», «Endorama») fehlen würden. Mutig auch, dass man «Flag Of Hate» und «Terrible Certainty» aussen vor liess. Aber die Jungs haben einfach zu viele Hits im Angebot, und so durfte ich mich besonders über «People Of The Lie», den fliegenden Oli bei «Betrayer» und «Violent Revolution» freuen. Mit vier neuen Tracks, Britta Görtz sang bei «Tränenpalast» während Mille in ein Flügelkostüm gekleidet bei «Loyal To The Grave» ohne Gitarre am Mikrofon stand, versohlten die Jungs dem gemischten Publikum gehörig den Arsch. Es waren alt, jung, Death, Black, Thrash und Heavy Metal Fans anwesend und ganz viele Ladys.
Die Geheimwaffe bei den Deutschen heisst allerdings Sami Yli-Sirniö. Der seit 2001 bei den Jungs spielende Finne bringt diese unglaublich geilen (melodischen) Gitarren-Melodien ein, welche Kreator aus der Flut an Thrash Metal Bands herausheben lässt. Die Mischung macht es nach wie vor bei der Truppe aus (Melodie, Härte, Tempowechsel). Zudem segnete Sami die alten Tracks mit einer gnadenlos tighten Performance, dass sie nicht mehr dilettantisch, sondern power- und druckvoll ins 622 gepfeffert wurden. So erklang «Endless Pain», dedicated to the oldschool metal people, mit Schmackes und tight wie Arsch gespielt. Ein grosser Dank gebührt auch Ventor und Bassist Frédéric Leclercq, die einen unglaublich energievollen Rhythmusteppich auf die Bühne zauberten. Mille war zudem bestens bei Stimme und trieb die Fans immer wieder an. Ja, Kreator sind eine Bank und haben sich ihren Platz an der Spitze mehr als nur verdient. Am Ende der Show sah man unseren Brienzer mit einem breiten Grinsen, da er noch immer von seiner viel zu kurzen Surfeinlage zehrte, während unser Gallier mit einem zufriedenen Nicken die Show des Headliners lobte. Somit waren nicht nur die drei Helden dieses Berichtes positiv gestimmt, sondern auch alle Besucher in Zürich-Oerlikon. (tin)
Setliste: «Intro - Run To The Hills (Iron Maiden Song)» - «Intro - Eve of Destruction (P.F. Sloan Song)» - «Seven Serpents» - «Hail To The Hordes» - «Enemy Of God (with Coma Of Souls Intro)» - «Satanic Anarchy» - «Intro - Sergio Corbucci Is Dead» - «Hate Über Alles» - «People Of The Lie» - «Betrayer» - «Krushers Of The World» - «Hordes Of Chaos (A Necrologue For The Elite)» - «Satan Is Real» - «Loyal To The Grave» - «Intro - Mars Mantra» - «Phantom Antichrist» - «Tränenpalast (feat. Britta Görtz)» - «Endless Pain» - «666 - World Divided» - «Intro - The Patriarch» - «Violent Revolution» - «Pleasure To Kill» - «Outro - Apocalypticon»
Nails
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