Eines muss gleich vorab erwähnt werden. Mit welcher Sicherheit mein Lieblings-Gallier immer wieder die besten Parkplätze findet, ist schon Guinness Buch der Rekorde verdächtig. Speziell bei einer Location wie der Schüür in Luzern, bei der das Parkieren kein leichtes Unterfangen ist. Keine Ahnung, wann ich das letzte Mal in diesem Auftrittsort war, aber eines muss man dem Club zugutehalten, Charme besitzt sie, die Schüür.
Der Grund unserer Innerschweizer Pilgerfahrt waren hauptsächlich Sacred Reich. Auch wenn Mister Rönu dies ein bisschen anders sieht, aber die Aura, Präsenz und der Witz, welche noch immer von Bandleader Phil Rind (Gesang, Bass) ausgehen, sucht seinesgleichen. Sind im Thrash Metal oftmals böse Grimassen und wilde Gebärden an der Tagesordnung, präsentiert sich der Quassel-Onkel Phil stets mit einem breiten Grinsen auf der Bühne und liess heute mehr "good friendly" denn "violent fun" für sich sprechen (oder war es "good fun, friendly violent"?).
Trotz aller Freundlichkeit, Spass und sympathischem Flair erinnerte mich die Show irgendwie an die wilden Achtziger. Die Stimmung war positiv aufgeheizt, die Fans sangen mit, schwangen die Fäuste in der Luft, bangten zu den lavaartigen und speedigen Rhythmen der Arizona Thrasher und feierten eine Party, die man sich immer wieder gerne ansehen würde. (tin)
Mortal
Factor
Den einheimischen Mortal Factor wurde die Ehre zuteil, den Abend in der Schüür zu eröffnen. Ich habe die Jungs bereits in der Musigburg (damals im Vorprogramm von Whiplash) gesehen und wusste bereits im Voraus, dass die vier einen starken Job als Anheizer abliefern würde. Auch wenn die Fans noch den obligaten "Ich bin scheu und stehe eher weiter hinten" Abstand zur Bühne wahrten, legten die Luzerner ohne Umschweife los. Auch wenn es platztechnisch eher eng war – es standen auch nicht weniger als drei Drumkits im Weg – zeigte sich die Band in absoluter Spiellaune. Der alles niederwalzende Groove Thrash mit Death Metal Anleihen verfehlte seine Wirkung nicht, und so vergingen die knapp 35 Minuten wie im Fluge.
Sänger Dave dankte den Fans für das frühe Erscheinen und kündigte auch gleich neue Songs an. Ein grosser Teil der Setliste würdigte indes das letzte Album «Where To From Here?», welches 2023 erschienen ist. Mein überaus geschätzter Mitfahrer und Metal Factory Legende Tinu attestierte Mortal Factor eine ordentliche Leistung: "Sie machen ihre Sache gut!" Natürlich nicht ohne gleich hinterher zu schicken: "Aber mir gefällt es trotzdem nicht wirklich". Um es gleich vorneweg zu nehmen, das fette Grinsen kehrte erst bei Sacred Reich zurück. Meiner Wenigkeit gefiel die Chose recht gut, und wie bereits in der Musigburg haben Mortal Factor die Rolle des Anheizers perfekt ausgefüllt. (rön)
Setliste: «Devil And His Dog» - «You Do» - «Whiskey
Stream» - «I Found A Minute» - «Spirit Soul» - «The Root Inside» - «Bring Back
The Rats» - «Good As Gold» - «Broken» -«Shy Hell»
Angelus
Apatrida
Auch die Spanier zählen nicht zu den Favoriten von Tinu. Zwar kommt die Bemerkung "sie können wirklich spielen" fast einem kaiserlichen Ritterschlag gleich, aber auch hier bremst der Sacred Reich Fan die Euphorie abrupt: "Aber sie schreiben keine guten Songs!" Nun, das sah selbstredend wohl nur eine Minderheit so, doch weiss ich allerdings schon, in welche Richtung diese Aussage zielt. In der Tat sind Angelus Apatrida in erster Linie eine unbarmherzig nach vorne peitschende Abrissbirne. Eingängigkeiten wie bei Sacred Reich, waren in der Tat kaum auszumachen. Dem Publikum war dies natürlich egal, denn man sah an diesem Abend gefühlt dutzende Shirts der Spanier, welche auch heute nichts anbrennen liessen.
Bereits nach zwei Songs bildeten sich Moshpits und wilde Bang-Orgien, also genau so, wie es bei einem amtlichen Thrash-Abend sein sollte. Ich habe bei den Jungs eigentlich immer das Gefühl, dass sie gegenüber den Studio-Alben in Sachen Live-Härte noch mindestens drei, vier Briketts drauflegen. Dass Tinu übrigens das zu stark getriggerte Schlagzeug kritisierte, kann ich unterschreiben. Allerdings trifft das auf Bands wie Kreator auch zu, und das ist – wie vieles – Geschmackssache. Die spanische Thrash-Maschine machte auch heute Abend keine Gefangenen und verwandelte die Schüür in eine Festhütte für Mosher. Was will man mehr? Na gut, Sacred Reich haben dann in der Tat noch für das absolute Highlight gesorgt. Tinu, hast du denn trotzdem noch einige Kritikpunkte gefunden? (rön)
Sacred
Reich
Zu Sacred Reich sicherlich nicht, denn da standen sie nun! Phil, sein langjähriger Gitarrist Wiley Arnett, Joey Radziwill (Gitarre) und Eduardo Baldo (Drums). Gemeinsam stimmten sie kraftvoll in den Opener «Manifest Reality» ein, standen als bangende Einheit auf der Bühne und flupp gab die PA ihren Geist auf. Aber Phil wäre nicht ein Super-Entertainer, wenn er diese Panne nicht mit einem lauten Lachen quittieren würde und darauf aufmerksam machte, dass sich alle noch schnell ein Shirt am Merchandising-Stand holen sollen, da diese direkt nach der Show bereits verpackt sein werden, weil sie schnellstens zum nächsten Auftrittsort verschwinden müssen.
Gesagt, noch nicht getan, erklang seine Stimme wieder und nicht nur aus den Monitorboxen. So standen den folgenden siebzig Minuten (ja, die US-Boys hätten gerne auch länger spielen können) nichts mehr im Wege. Ach ja, Phil gesellte sich bereits vor dem Konzert unters Publikum, begrüsste alle freundlich und hielt den einen oder anderen Talk mit den Fans ab. Banger-Herz, was willst du mehr? Es ist diese bereits angesprochene Unbekümmertheit und Freundlichkeit, diese Lausbuben-Attitüde, die weit weg von einem verbissenen und "ach wie hart bin ich doch" Image ist, was Sacred Reich insgesamt, und speziell Phil, dermassen sympathisch rüberkommen lässt.
Auch wenn man die Combo eher der zweiten Garde der Thrash-Bands zuordnen kann (sie wurden 1985 gegründet), verbindet das Quartett alles, was den Ur-Thrash ausmacht, mit ganz viel nachdenklichen Momenten (Texten), die immer wieder mit einem kleinen Augenzwinkern vorgetragen werden. Phil und seine Jungs gehören zu den Konsequentesten aus diesem musikalischen Lager, die ganz bewusst immer wieder mit kritischen Texten auf die Geschehnisse in ihrem Land aufmerksam machten. Darum haben auch heute noch Tracks wie «Surf Nicaragua», «The American Way», «Ingnorance», «Crimes Against Humanity» oder «Love…Hate» nichts von ihrer Aussagekraft verloren.
Die Band war in absoluter Spiellaune. Eduardo verdrosch sein Instrument mit einer unglaublichen Power. Speziell seine Double-Bass-Drums schlugen wahrhaftig Löcher in die stickige Luft der Schüür. Joey bangte sich derweil seine Halswirbel warm und glänzte als toller Rhythmus-Gitarrist, während Wiley mit seinen solistischen Künsten immer wieder zu überzeugen wusste. In der Mitte stand der Grinse-Bär, den man einfach liebhaben muss. Habe ich schon erwähnt, dass er eine ähnliche Plaudertasche wie Tobias Sammet (Avantasia, Edguy) ist?
Mister Rind erwähnte den vorherigen Gig in Martigny, wie schön die Schweiz sei, die immer gastfreundlich zu diesen komischen Ami-Cowboys sei und wie respektvoll die Westschweizer selbst mit seiner Aufforderung umgingen, die Bühne zu entern und wie in den wilden Achtzigern zu Stagediven (was in Luzern erst eine junge Lady und dann zwei Jungs am Schluss der Show wagten). "Macht was ihr wollt, habt Spass, aber geht respektvoll mit den anderen um". "My next speech is about the «Ignorance» album. Is it crazy? We celebrate next year the 40th anniversary", liess uns Phil wissen und zementierte damit die lange Lebensphase seiner Truppe (die durch ein kleines Timeout von 2000 bis 2006 unterbrochen wurde). Die aktive Zeit wurde an diesem Abend von den Fans gefeiert, mit klatschen, singen und lauten "Sacred Reich" rufen.
"We play an old song. Clapping your hands. It's fun, like dancing" gab der Sympathikus mit einem breiten Grinsen zu Protokoll und kündigte «Crimes Against Humanity» an, das mit seinen fantastischen Tempo-Wechseln den Thrash in seiner wundervollsten Form präsentierte – Wenn tatsächlich ein weiblicher Fan mit einem Fächer bewaffnet und mit diesem synchron am Bangen zu sehen war, darf man davon ausgehen, dass die Jungs auf breiter Linie gewonnen hatten – "Who has seen Sacred Reich before? Thank you for being here", bedankte sich der singende Bassist bei den Fans. Die Band liess sich nach dem sensationell vorgetragenen «Surf Nicaragua» von den Anwesenden gebührend feiern und verabschiedete sich mit den Klängen von «What A Wonderful World» (vom Tape) vom Publikum.
Es war ein Thrash-Fest, das tatsächlich mehr Leute anzog, als ich erwartete. Zugleich eines dieser Konzerte, bei dem Rönix (der Gallier – rsl) und meine Bescheidenheit sich einig waren, dass wir soeben ein grossartiges Konzert erleben durften (und ich dooferweise das weisse «Ignorance» Shirt aus dem Jahre 1988 nicht kaufte. Rönu wird sich einen Wolf lachen!). Die Mischung aus sich abwechselnden schnellen und langsamen, sowie sich aufbauenden Parts, vermischt mit diesem ureigenen Sacred Reich Flair, sucht seinesgleichen in der Szene. "Wie geil war das denn?!", schiesst es mir während dem Schreiben dieser Zeilen immer wieder durch den Kopf. Ich freue mich jetzt schon auf den nächsten Besuch der Arizona Thrasher in der Schweiz, um lauthals mitsingen zu können "…if you had brought your surfboard, you could surf Nicaragua". (tin)
Setliste: «Intro - Immigrant Song (Led Zeppelin Song)»
- «Manifest Reality» - «The American Way» - «Ignorance» - «One Nation» - «Love…Hate»
- «Salvation» - «State Of Emergency» - «Killing Machine» - «Crimes Against
Humanity» - «Who's The Blame» - «Independent» - «Death Squad» - «War Pigs (Black
Sabbath Cover)» - «Surf Nicaragua» - «Outro - What A Wonderful World (Louis
Armstrong Song)»
Mortal Factor














































Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen