Was habe ich mich seinerzeit über die Tatsache gefreut, dass Bern wieder in ein grösseres Eventlokal investiert. Es blieb allerdings die Frage, wer und was denn nun künftig dort auftreten wird? Mittlerweile kann guten Gewissens behauptet werden, dass die Festhalle in den Köpfen der Metalheads angekommen sein dürfte. Neben Gotthard, Krokus, Marilyn Manson und den Dropkick Murphys durfte Bern nun die legendären NWOBHM-Legenden von Judas Priest begrüssen. Die Engländer sind seit den 80er-Jahren nicht mehr aus der Szene wegzudenken und haben mit ihrem eigenen Stil mehrere Generationen von Metal-Freunden geprägt. Selbstredend also, dass die Metal Factory Entourage geschlossen zu diesem Anlass aufgebrochen ist, um darüber zu berichten. Wie es mit Musik und Berichten allerdings so ist, liegt das Resultat schlussendlich immer in den Augen und Ohren der Betrachter. So haben wir uns für einmal dazu entschieden, den Senf zum Ereignis "mal drei" abzugeben. Man darf also gespannt sein! (oli)
Oli, da kann ich dir nur beipflichten. Als gebürtiger Stadt-Berner ist es für mich natürlich eine Freude, wenn Bern wieder eine Rolle in der Konzertkarte der Schweiz spielt und man nicht immer nach Zürich pilgern muss. Zumal ich die Festhalle als wirklich gelungen bezeichnen würde. In Sachen Sound und Infrastruktur sind das Welten gegenüber der alten Wellblechhalle. Der Abend startete aber mit einer Überraschung sondergleichen. Als bei mir in Burgdorf Metal Factory, sprich Rockslave und Tinu klingelten, konnte ich mir ein Lachen schlichtweg nicht verkneifen. Schliesslich erinnere ich mich da noch sehr gut an eine "Churz & Knackig" Folge (sehr empfehlenswerter Podcast übrigens!), wo die Herren Tinu und Oli über das Thema "Welches Shirt ziehe ich zum Konzert an?" philosophierten. Dabei positionierte sich unsere Koryphäe aus Langenthal als klarer Gegner davon, also dass man kein Shirt der jeweils auftretenden Band anziehen sollte. Nun stand er an diesem Freitagabend mit einem breiten Grinsen im Judas Priest Shirt (!) vor meiner Tür. Schon da konnte man erahnen, dass es ein sehr lustiger Abend werden würde. (rön)
Das Beste kommt bekanntlich immer am Schluss, meine Herren! In diesem Fall sind es meine Worte, die zu berichten wissen, dass es weder ein weisses Pulver noch eine schnöde Crème brauchte, um meinen "lädierten Rücken" wieder stabil und belastbar zu machen. Tja Jungs, wenn das Tier losgelassen wird, ist es nicht mehr zu bändigen! Um gleich mal den untenstehenden Worten unseres Burgdorfer Druiden den Wind aus den Segeln zu nehmen. Betreffend Shirts, korrekt, das macht man nicht, aber wenn es sich dabei um KISS oder Judas Priest handelt, sind die "Metal-Gods" in der Regel gnädig gestimmt und genehmigen den Frevel mit einem zufriedenen Grinsen. Soviel zu den witzigen Nebenschauplätzen an diesem Abend. Was jedoch viel wichtiger ist, war, dass Priest nach ihrem Gig in Grossbuchstaben "The Priest Will Be Back" verkündeten, was zumindest meine Angst, dass ich Rob und sein Ensemble nie mehr sehen werde, entkräftete. (tin)
Nevermore
Nun, die amerikanischen Progressive-Metaller Nevermore hatten die Ehre, den Abend für Rob & Co. zu eröffnen. Kurz vor 19:30 Uhr, sie waren sichtlich motiviert, legte die Truppe aus Seattle los. Ihr galoppierender Prog-Metal hatte die ersten Nasen in die Halle gelockt, die aber noch reichlich Platz bot. Meine Erwartungen an den Fünfer waren gering, da ich ihren Gig bereits am "Wacken Openair" vorzeitig verlassen hatte, obwohl spielerisch nichts einzuwenden war. Jeff Loomis, dessen Arbeit ich bei Arch Enemy extrem mochte, konnte mich auch mit seinem Dauereinsatz nicht überzeugen, was allerdings der Übermacht der Rhythmus-Sektion geschuldet war, die die Gitarrenarbeit in dumpfem Brei untergehen liess. Während ich die Vorzüge der Supportband zu eruieren versuchte, machte sich Rönu für eine gefühlte halbe Stunde aus dem Staub, und dem Gesichtsausdruck von Tinu nach zu urteilen (korrekt, mein curly friend, Anmerkung Tinu), war sein Fazit auch bereits geschrieben. (oli)
Tja, eigentlich wollte ich ja nur kurz auf die Toilette, aber wenn man auf dem Weg dorthin, gefühlt alle zehn Meter aufgehalten wird, weil man wieder jemanden kennt, geht das halt mal länger. Trotzdem habe ich dann von weiter hinten die Supportband zu Ende geschaut. In Sachen Nevermore sind wir uns aber ziemlich einig. Einzig Rockslave fieberte dem Auftritt entgegen, während unser Trio bereits beim Savatage Konzert in Pratteln schon eher mässig begeistert war. Auch bei mir kann die Band nicht punkten, was aber keinesfalls am Können liegt. Mir gehen die Songs einfach nicht ins Ohr, obwohl mit Jeff Loomis ein Gitarrist an Bord ist, den ich – wie Oli – sehr schätze.
Dazu hat man mit Sänger Berzan Önen einen sympathischen Top-Mann als Fronter. Die schwere Aufgabe, den verstorbenen Warrel Dane zu ersetzen, ist nämlich nicht leicht, aber der Gesangslehrer aus Istanbul machte seine Sache auch in Bern wirklich gut. So war es auch nicht erstaunlich, dass bereits nach zwei Songs die Fans vor der Bühne "Nevermore, Nevermore" skandierten. In Sachen Setliste wurde vor allem das Album «Dead Heart In A Dead World» berücksichtigt, während die ersten drei Werke links liegen gelassen wurden. Fazit: Nevermore haben geliefert (was auch Rockslave nach dem Konzert mit Nachdruck bestätigt hat), werden bei mir aber nach wie vor eher eine Nebenrolle spielen. (rön)
Ich muss dem nichts mehr beifügen. Entweder man liebt die Seattle-Jungs (oh ja! Rsl) oder eben nicht. Wo sich Rönix, Olix und Tinix einreihen, ist mit den letzten Zeilen beschrieben worden. (tin)
Setliste: «Narcosynthesis» - «My Acid Words» - «Inside
Four Walls» - «The River Dragon Has Come» - «Believe In Nothing» - «Final
Product» - «Born» - «Enemies Of Reality»
Judas Priest
Nach einer halbstündigen Umbaupause war dann die Zeit gekommen, die britische Heavy Metal-Weihe zu empfangen. Nach «War Pigs», dem Black Sabbath Klassiker ab Konserve, dem «Faithkeepers»-Intro, fiel endlich der Vorhang, und Judas Priest legten mit «You've Got Another Thing Comin'» los. Rönu und ich (also ich auch, Anmerkung Tinu) waren uns einig, wenn du mit einem solchen Song einsteigen kannst, hast du definitiv etwas richtig gemacht. Es ging Schlag auf Schlag bis zum Triple, das die älteren Perlen «The Ripper», «The Sentinel» und «Desert Plains» umfasst. Da war ich für eine Viertelstunde raus und hatte genügend Zeit, mein Social Media mit neuem Material zu versorgen.
Dies hätten sie gut und gerne durch Songs der zwei aktuellen Scheiben ersetzen können. (wie bitte?!! Rsl) – Danach sass ich wieder fest im Sattel und liess mich sogar dazu hinreissen, bei Halfords Sing-a-long, also nach «Steeler», miteinzusteigen (also ich auch, Anmerkung Tinu). Kurz vor dem Kult-Klassiker «Painkiller» gesellte ich mich wieder zu meinen beiden Kollegen, die etwas weiter hinten auf den Überhit warteten: Rönu mit einem breiten Grinsen im Gesicht, Tinu zog hingegen die erwartete Schnute. Nach einer kaum spürbaren Pause ging es über in die Zugabe, mit einer im Hintergrund röhrenden Harley Davidson. Es ist immer wieder ein Highlight, wenn Rob Halford, mit Lederpeitsche im Mund, die Bühne befährt und die Band in «Hell Bent For Leather» einstimmt.
Ein magischer Moment, denn sollte Halford die Maschine eines Tages in der Garage lassen, dann war es das wohl mit der Kultband. Nach «Living After Midnight» war ich selig und mit Judas Priest wieder versöhnt, nachdem ihr Wacken-Gig eher durchzogen war. Zu den Klängen von Queens «We Are The Champions» meinte Rönu, beim Verlassen der Location noch so lapidar, dass diese Textzeilen auf den SCB und die Young Boys zutreffen. Dazu sage ich: "die Saison hat gerade erst begonnen, mein Freund!" (oli)
Nun, die Nähe zu den beiden Tempeln des SC Bern und des BSC Young Boys lässt mich natürlich nicht kalt, und für mich sind die beiden Vereine immer Champions, auch wenn ich speziell beim Fussballverein meines Herzens schon sehr schwere Zeiten durchgemacht habe. Doch es soll hier nicht um Sport gehen, sondern um allerfeinsten Heavy Metal. Dafür steht der Name Judas Priest natürlich an einer der ersten Stellen. Das zeigte sich auch an der Setliste. Beim letzten Auftritt in Sion wurde mein absolutes Lieblings-Album «Painkiller» massiv berücksichtigt. Heute fand nur der Titelsong seinen Platz in der Setliste. Aber – und da muss ich Oli widersprechen – gerade die Triplette mit «The Ripper», «The Sentinel» und dem grossartigen «Desert Plains» (yesss!! Rsl) fand ich schlicht sensationell. Natürlich, würden Priest alle Hits auspacken, müssten sie wohl sieben Stunden lang spielen, insofern wird man es nie allen recht machen können.
Ich fand die Auswahl der Songs allerdings sehr gelungen, und so reihte sich auch in der Festhalle ein Hit nach dem anderen ein. Klar, Rob ist mittlerweile 75 und kommt nicht mehr ganz an die hohen Töne heran, aber heute war er gesanglich absolut top, was auch auf die ganze Band zutraf. Was die Herren Hill, Travis, Faulkner und Sneap noch immer abliefern, ist einfach nur grossartig. In Sachen Show verzichtete man diesmal auf ein spektakuläres Bühnenbild und setzte wieder auf die LED-Screens. Wobei ich nicht immer begeistert war, weil die phasenweise etwas wirren Bilder manchmal auch etwas vom Geschehen auf der Bühne ablenken. Das war aber auch so ziemlich der einzige kleine Kritikpunkt an diesem Abend, denn ich für mich festmachen konnte. Halt, die Shirt-Preise von CHF 55.- darf man sicher auch kritisch hinterfragen (Gottes gleiches hat seinen Preis, Anmerkung Tinu). Doch ich habe es eingangs schon erwähnt, dass es ein lustiger Abend werden sollte, und da muss ich einfach noch ein weiteres Müsterchen erzählen.
Plötzlich wehte nämlich eine leicht ergraute Mähne neben mir durch die Luft. Völlig perplex sah ich, dass Tinu seine Begeisterung für «Steeler» wild bangend zur Show stellte! So hatte ich meinen Lieblings-Oberaargauer noch nie gesehen!! Doch die Wirbelsäule war sich das wohl nicht mehr gewohnt, und so klagte er umgehend danach über Rückenschmerzen, was ich mit einem veritablen Lachkrampf quittieren musste. Doch Tinu konnte am nächsten Morgen Entwarnung geben. Da haben Ibuprofen und ein orthopädisches Kissen wohl Wunder gewirkt. Die Haare dürften in nächster Zeit kaum mehr derart durch die Luft wirbeln! Für mich haben Priest auf jeden Fall einen Gig hingelegt, der an der Top-10 der Konzerte von 2026 kratzt. Mit viel Spielfreude, toller Setliste und einem Sound, der kaum Wünsche offenliess (auch wenn er nicht ganz an die Klangqualität von The Hall heranreicht), sah man danach eigentlich nur in zufriedene Gesichter. Ich bin allerdings sehr neugierig, wie Tinu den Abend erlebt hat! (rön)
Papperlapapp, an diesem legendären Abend dachte niemand an sportliche Ereignisse, sondern nur an einen wundervollen Metal-Abend. Im Grundsatz haben meine beiden Metal-Helden schon (fast) alles erwähnt. Auch wenn ich Oli noch vehementer widersprechen muss, betreffend «The Ripper», insbesondere dem göttlichen «The Sentinel» und dem unantastbaren «Desert Plains», die bei mir wahrlich für ein bisschen Pippi in den Augen sorgten. Auch fand ich das Set bedeutend kompakter und stimmiger als noch auf der letzten Tour mit sieben Songs (!) vom «Painkliller» Werk. Völlig unnötig.
«Steeler», was für eine Göttergabe und Rückenknochen spaltende Hymne (ein Schelm, der Böses denkt), «Delivering The Gods» und das überragende «Victims Of Changes» liessen Erinnerungen an eine Zeit hochkommen, in der Judas Priest das Evangelium des Metals waren und was sie an diesem Abend manifestierten, respektive mit dem marschierenden Rhythmus von «Metal Gods» in den Thron desselbigen meisselten. Schaue ich einem Ian Hill zu, der wie immer, auf seinem Bierdeckel grossen Radius die fetten Basslinien ins Publikum pumpte, wird mir erneut bewusst, wie wichtig der stets im Hintergrund stehende Mann ist. Oder das mittlerweile seit acht Jahren immer perfekter zusammenpassende Gitarren-Duo in Form von Richie und Andy. Ihre Riffs erklingen messerscharf, ihre Solos wie von göttlicher Hand gespielt.
Der Taktgeber, Mister Travis, grinste wie immer hinter seinem Instrument hervor, warf seine Stöcke in die Luft und drehte sie in den Fingern, während er mit einer unglaublichen Power spielte. Und ja, Rob singt nicht mehr wie in den Achtzigern. Muss er aber auch nicht, doch ganz ehrlich, welcher 75-jährige Sänger marschiert noch so viel auf der Bühne? Seine Screams zu «Victims Of Changes» bleiben unerreicht, so auch an diesem Abend! Ebenso sein unglaubliches Charisma, das zwischen spitzbübischer Frechheit und adeliger Metal-Erhabenheit wechselte. Rob ist und bleibt der Metal-Gott!
"It's Friday night and the Priest ist back" ging im frenetischen Jubel der Zuschauer fast unter, blieb aber auch für lange Zeit die einzige Ansprache zum Publikum. "Let the music do the talking" war das Motto und das genossen Band, wie auch das Publikum. Die LED-Screens fand ich insbesondere bei «Metal Gods» unglaublich geil. Wenn man sah, wie die Roboter sich zu den Musikern gesellten. Die Party schraubte sich immer mehr in die Höhe, und als bei «Painkiller» das bekannte Drum-Intro erklang, schien Bern völlig aus dem Häuschen zu geraten (ja, meinereiner ist da nicht sooo der Fan davon).
Das bekannte Zugaben-Triple («The Hellion/Electric Eye», «Hell Bent For Leather», «Living After Midnight») liess die Hauptstadt nochmals mitsingen. Dass die Einlage mit dem Motorrad und Rob bei «Hell Bent For Leather» für Begeisterungsstürme sorgen würde, war klar. Immerhin scheint diese Aktion mit derjenigen bei Iron Maiden gleichzusetzen zu sein, wenn Eddie jeweils die Bühne entert. Am Schluss schrien alle mit und intonierten "Living after midnight, rocking to the dawn, loving till the morning, then I'm gone". So auch das Metal Factory Dreigestirn, das sich fast schunkelnd in den Armen lag. Wir waren uns einig. Judas Priest bewiesen an diesem Abend, dass sie, trotz 57 Jahren Bandbestehen, noch immer die Metal-Götter sind und es auch auf ewig bleiben werden. (tin)
Setliste: «Intro - War Pigs (Black Sabbath Song)» - «Faithkeeper
Intro» - You've Got Another Thing Comin'» - «Metal Gods» - «Breaking The Law» -
«The Ripper» - «The Sentinel» - «Desert Plains» - «Lightning Strike» - «Turbo
Lover» - «Steeler» - «Delivering The Gods» - «Panik Attack» - «Victims Of
Changes» - «No Surrender» - «Painkiller» -- «The Hellion» - «Electric Eye»
«Hell Bent For Leather» - «Living After Midnight» - «Outro – We Are The
Champions (Queen Song)»
Nevermore
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